Buch Unterhaltung

Die perfekte Freundin. Lionel Shriver nimmt sich ihrer an.

Perfekte Freundin Lionel Shriver

Ein Buchtitel wirft Fragen auf: „Die perfekte Freundin“. Fast jeder hat sie: die beste Freundin. Aber kann eine Freundin nicht nur die beste, sondern auch perfekt sein? Und wer will das schon? Was denkst du, wenn jemand von dir sagt, du seist die „Perfekte Freundin“? Passt „perfekt“ überhaupt zur Beschreibung eines Menschen?

Als ich das Buch von Lionel Shriver „Die perfekte Freundin“ vom Stapel nahm, waren das die ersten Fragen, die meine Neugier weckten. Der Klappentext überraschte mich dann, klärte auch ein wenig auf und stellte eine weitere Frage in den Raum:

„Weston liebt Paige, doch als es ans Heiraten geht, verlangt sie von ihm ein Opfer. Er soll sich von seiner langjährigen Freundin – und Ex-Flamme – Jillian lossagen, die Paige schon immer etwas einnehmend, zu schillernd, kurz: zu gefährlich fand. Weston setzt sich zur Wehr. Aber beweist das nicht, dass Paige mit ihrer Forderung ins Schwarze trifft?“

Das Verhältnis zur Ex ist ja auch so ein gern durchgehecheltes Illustrierten-Thema: „Kann ich ihm vertrauen, wenn er sich weiterhin mit seiner Ex trifft?“ oder allgemeiner: „Können Frauen und Männer wirklich „immer nur“ Freunde bleiben?“ Und zuletzt fragte ich mich dann: „Ist das nun Frauenliteratur?“. 

Letzteres führt ja gerne zu ewigen Debatten, was man denn unter Frauenliteratur zu verstehen habe. Um es vorweg zu nehmen: Die Erzählung „Die perfekte Freundin“ von Lionel Shriver, übersetzt von Christine Richter-Nilsson, ist auch Männerliteratur, die aber so wohl kaum ein Mann geschrieben hätte. 

Lionel Shriver, erfolgreiche US-Autorin, hat bislang nicht nur 13 Romane verfasst, sondern schreibt auch regelmäßig für das The Wall Street Journal, die Financial Times, The New York Times, The Economist. Eigentlich heißt sie Margaret Ann, hat sich aber mit 15 Jahren selbst entschieden, fortan „Lionel“ zu heißen – eine bewusste Wahl dieses vornehmlich männlichen Vornamens. 

„Sie haben sich den Erwartungen auch entzogen, indem Sie sich als Teenager umbenannten: Aus Margaret Ann wurde Lionel. Wie kamen Sie auf die Idee?

Ich habe mich mehr mit Jungs identifiziert. Sie hatten es meist besser. Und ich war ein Tomboy, ein Wildfang. Meine Mutter hat mir das übel genommen; sie heißt Peggy, das ist die Verkleinerungsform von Margaret. Dabei wollte ich sie nicht verletzen. Es ging darum, mein Leben in die eigene Hand zu nehmen.“

Aus einem interessanten Interview des Tagesspiegels mit Lionel Shriver 2018

Trotz ihrer Erfolge, insbesondere ihr Roman „Wir müssen über Kevin reden“ (In 25 Sprachen übersetzt, verfilmt und mit dem Orange Prize for Fiction ausgezeichnet), fand sie in Deutschland bislang nicht die Beachtung, die ihr zustehen sollte. Das bemerkt man schon an dem sehr spärlichen, deutschen wikipedia Eintrag zu ihr, der nichts über ihr Leben berichtet und keine deutschen Erscheinungen und Kritiken verlinkt. Zu den einzelnen Romanen gibt es überhaupt keine deutschen Einträge. 

Schon seit vielen Jahren wird sie vom Piper Verlag veröffentlicht und es lohnt sich, in ihren Werken zu stöbern. Doch man wünscht sich, dass der Verlag ihr doch mehr Aufmerksamkeit verschaffen könnte, sich z.B. auch den Wiki-Einträgen annimmt und Social Media nutzt. Vielleicht gelingt es mit dieser knappen, 160seitigen Erzählung „Die perfekte Freundin“, die im Original einen völlig anderen Titel trägt: „The Standing Chandelier“ (Im Kindle-Store erhältlich: The Standing Chandelier: A Novella (English Edition)).

Die deutsche Titelwahl lässt jedenfalls vermuten, dass man dem Buch hierzulande einen ganz anderen „marketingrelevanteren Drive“ geben wollte. Und das ist bei mir gelungen, ohne nachträgliche Enttäuschung – im Gegenteil: es ist eine faszinierende Novelle über zwischenmenschliche Fragwürdigkeiten, die uns alle im Leben ein- oder auch mehrmals treffen können und die ehrlich zu beantworten uns nicht leichtfallen.

Liebe und Freundschaft bieten schon immer Konfliktpotentiale. Zwischen den Paaren und zwischen den Liebenden und ihren Freunden. Lionel Shriver reizt dieses Potential aus und gestaltet eine Lebenssituation, die für alle drei Beteiligten nur Verluste verspricht. Selbst für die vermeintliche Siegerin am teiloffenen Ende der Erzählung, ist es – zumindest aus Sicht der Leser:innen – auch nur ein Pyrrhussieg. Von Beginn an wird schnell klar, dass alle drei Figuren wohl nichts richtig machen können, aber sehr viel falscher als falsch. 

Die undankbarste Rolle in der Dreierkonstellation von Jillian, Weston und Paige nimmt wohl der Mittvierziger Weston ein. Denn er, der immer dachte, „dass Nachdenken dasselbe sei wie Handeln“, muss tatsächlich agieren und eine martialische Lebensentscheidung treffen: In Zukunft verheiratet mit der korrekten Paige – die er liebt und begehrt – oder wieder Single mit der inkorrekten Jillian, seiner perfekten Freundin. Seit dem Studium verbindet die beiden eine tiefe Vertrautheit. Sie erwuchs aus regelmäßigen, wöchentlichen Treffen zum intensiven Tennisspiel mit anschließender Plauderstunde. Einerseits eine kameradschaftliche Verbindung, die man sonst eher unter Männern findet, doch gewürzt von der Tatsache, dass sie zweimal eine längere Liaison hatten und beide noch, wie Paige es ausdrückt, „scheißgut“ aussehen.

Die Vertrautheit mit der einen schürt das Misstrauen der anderen. Weston versteht das. Dennoch ahnt er, was er verlieren wird, wenn er der Bedingung von Paige „Sie oder ich!“ nachgibt. Jillian spricht es dann auch aus, als sie ihn darauf hinweist, dass ihre Freundschaft doch soweit gediehen sei, dass sie sich alles unverblümt anvertrauen könnten. Als er dieser Besonderheit widersprechen mag, in dem er erklärt, er würde auch mit Paige über alles reden können, sagt sie nur:

„Für den Menschen, den man liebt, muss man alles umschreiben.“

Die ganze Geschichte der Drei erzählt uns Lionel Shriver über ihren Schalk im Nacken. Distanziert, zuweilen sarkastisch und sezierend, wenig mitfühlend und kaum mit ihren Figuren sympathisierend. Hier und da glaubt man vielleicht, dass die Autorin doch Jillian mehr Sympathie als Paige entgegenbringt, wenn sie über sie schreibt:

„… wie anziehend sie war, wenn man falsche Freundlichkeit nicht mochte und sich lieber aufrichtig unwohl fühlte als unaufrichtig wohl.“

Und dem entgegen wenige Sätze später über Paige:

„… – sie machte die Geselligkeit zur Disziplin.“

Aber letztlich wird schon nach wenig Seiten klar, dass keine der drei Figuren zur Leser:innen Identifikation taugt. Das lag Lionel Shriver offenkundig auch nicht im Sinn. Und das macht die Erzählung sicher für manche etwas unbehaglich. Denn eigentlich ist es doch die Geschichte dreier intelligenter, gereifter Menschen, von denen wir Leser:innen annehmen dürfen, dass sie einen gangbaren Mittelweg als Ausweg aus ihrem Gefühlsdilemma finden. 

Aber den Gefallen tut uns Lionel Shriver nicht. Sie bleibt der hohen literarischen Kunst der Fragwürdigkeit treu, die sie mit ihrer Erzählung bedient. Sie will uns keine Lehren erteilen, aber doch ein paar unbequeme Fragen hinterlassen, die wir uns nur selbst oder mit unserer perfekten Freundin versuchen können, zu beantworten. Dass wir gewöhnlich solche Fragen und deren Antworten gerne umschiffen, ist für Lionel Shriver nur allzu menschlich. Doch hindert sie das nicht, uns auch die wahren Hintergründe dafür mit unterkühltem Unterton zu schildern:

„Angeblich scherten sich nur Frauen um Geborgenheit. Dabei war sie auch allgemein ein ansprechender Zustand, und Männer konnten es sich in ihr ebenso gut bequem machen.“  

Fazit: „Die perfekte Freundin“ ist eine sehr lesenswerte, erzählerische Entdeckung. Die kurze, anregende Geschichte hinterlässt viel Stoff zum langen Nachdenken. Lionel Shrivers Stil ist ebenso intelligent wie elegant, mal distanziert kühl und mal schmerzlich amüsant. Wer über seine eigenen Unzulänglichkeiten nicht schmunzeln kann und gerne über die anderer richtet, der wird sich nicht leicht mit dieser literarischen Kost tun. Allen anderen lege ich das Buch und die Autorin sehr ans Herz.

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Das Buch könnt ihr festgebunden im Buchhandel für € 18,– bestellen (ISBN-10 : 3492070205) oder bei Piper direkt oder bei Amazon das ebook Die perfekte Freundin: Ein scharfsinniger Beziehungsroman über Eifersucht, Vereinnahmung und Vertrauen

Bildquelle: Titel Candid_Shots auf Pixabay.

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